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Offener Brief an die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig

Posted on June 12, 2014 at 2:25 PM

Sehr geehrte Frau Ministerin,

 

gemäß Ihrer Pressemitteilung vom 12.06.2014 (http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Presse/pressemitteilungen,did=207828.html) haben Sie gemeinsam mit Berliner „Regenbogenfamilien“ die „Regenbogenflagge gehisst.

 

Im Zusammenhang hiermit erklärten Sie unter anderem:

"Das Hissen der Regenbogenflagge steht für unser gemeinsames Ziel eines toleranten und weltoffenen Europas ohne Diskriminierung. Überall dort, wo Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt, angefeindet oder gar angegriffen werden, muss gehandelt werden. In Deutschland, in Europa, weltweit. Das ist unsere gemeinsame Verantwortung und Aufgabe.“

 

Nun hören sich derartige Statements ja erst einmal ganz gut an. Wer hätte schon etwas gegen „Diskriminierung"?

 

Mein Name ist Robert Gollwitzer. Ich bin Gründer einer internationalen christlichen Ex-Gay Einrichtung namens „Jason“ (http://jason-online.webs.com), die wiederum an Homosexuals Anonymous (www.homosexuals-anonymous.com) angeschlossen ist.

 

Selbstverständlich haben auch wir nichts gegen eine Diskriminierung oder Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung – auch wir haben oder hatten schließlich einmalgleichgeschlechtliche Neigungen. Die Probleme, die wir mit derartigen Aussagen haben, sind folgende:

 

1) Diskriminierung ist sowohl gesetzlich wie moralisch (und in unserem Fall auch auf Basis unseres christlichen Glaubens) abzulehnen. Hierbei jedoch einzelne Gruppen besonders hervorzuheben oder gar per Gesetz einen Sonder-Status einzuräumen, macht zum einen keinen Sinn und widerspricht zum anderen der ursprünglichen Intention, da das Ergebnis hiervon – gewollt oder ungewollt – ist, dass einzelne Bevölkerungsteile Sonder-Rechte erhalten, was in sich schon eine Benachteiligung für andere Bevölkerungsteile bedeuten kann.

 

2) Was ebenfalls sauer aufstößt, ist das „wie“ dieser Abneigung gegenüber Diskriminierung und Benachteiligung. In der Regel läuft dies – im Zuge einer völlig falsch verstandenen „Toleranz“ – doch darauf hinaus, dass nicht nur Menschen nicht diskriminiert oder benachteiligt werden sollen, sondern andere gleichzeitig eine bestimmte Orientierung und ein darauf aufbauendes gelebtes Verhalten akzeptieren sollen – ja, müssen. Gegenpositionen werden regelmäßig in eine radikale Ecke gestellt oder schlichtweg ignoriert. Hiergegen wehren wir uns ausdrücklich, da dies unschwer dazu führen kann, dass wir aufgrund unserer religiösen Überzeugung diskriminiert und benachteiligt werden (etwa, in dem wir mehr oder weniger deutlich zu etwas gezwungen werden, dass unserem Glauben widerspricht) und unsere Meinungsfreiheit hiervon betroffen sein kann.

 

Weiter in Ihrer Erklärung:

 

„Eine tolerante und weltoffene Gesellschaft entsteht nicht per Gesetz. Sie entsteht durch das Miteinander von Menschen. Es ist eine Frage der Haltung einer Gesellschaft, die zu einem Klima der Offenheit führen muss. Da ist jede und jeder gefragt."

 

Nein, gesellschaftliche und besonders moralische Werte und Grundlagen lassen sich nicht per Gesetz erzwingen, da ja auch dieses auf einer keineswegs wertneutralen Basis steht – ja stehen darf (abgesehen davon gibt es so etwas wie „Wert-Neutralität“ gar nicht). Die Frage ist nur, was denn das für Werte sind, die hier hochgehalten werden sollen. Für uns sieht diese „Toleranz“ und dieses „Miteinander“ eher nach einem moralischen Relativismus aus, indem es keine gesellschaftliche Übereinkunft mehr gibt über das, was wahr, richtig, moralisch und natürlich ist, sondern es gleichsam einem undifferenziertem Mischmasch von individuellen Überzeugungen überlassen wird, irgendwie zu irgendwelchen Werten zu kommen. Ein moralischer Relativismus dieser Art muss zwangsweise mittelfristig zur Zerstörung einer Gesellschaft führen, da ja selbst das oben angeführte Gesetz dann auf einer nicht näher definierten Grundlage steht, bei der (beinahe) alles möglich ist. Schlagwörter wie „Toleranz“, „Weltoffenheit“, „Miteinander“ klingen gut, müssen jedoch näher bestimmt werden. Wenn all dies bedeuten soll, dass jeder tun, lassen und denken kann, was er/sie möchte – aber keinesfalls seine (möglicherweise kritische) Meinung gegenüber dem Tun und Lassen eines anderen kundtun darf, so ist das keinesfalls „Toleranz“, es ist nicht „weltoffen“ und trägt schon gar nicht zum „Miteinander“ bei – es ist schlichtweg Gleichmacherei. Ganz im Gegenteil – wenn dies dazu führt, dass Gruppierungen oder Überzeugungen wie die unsere im besten Fall ignoriert und im schlechtesten Fall schlecht gemacht oder gar kriminalisiert werden, dann hat diese „Toleranz“ schnell ein gar nicht tolerantes Ende.

 

„Mir ist wichtig, dass wir den Kampf für Vielfalt und Toleranz auf der rechtlichen Ebene aber eben auch auf der kulturellen Ebene führen. Denn unsere Gesellschaft ist bunt und vielfältig. Deshalb muss 'Anders' sein endlich normal sein."

 

Was bedeutet denn ein „Kampf für Vielfalt und Toleranz“? Momentan sieht es doch teilweise so aus, dass Menschen, die etwa einem Ausleben von gleichgeschlechtlichen Neigungen, einer gleichgeschlechtlichen „Ehe“, einer Adoption seitens gleichgeschlechtlicher Paare oder einer alleinigen Teilnahme von schwul/lesbischen Gruppen an Veranstaltungen im Rahmen des Schulunterrichts ablehnend gegenüber stehen, nicht selten als „homophob“ bezeichnet werden. Abgesehen von der Absurdität des Begriffes (wer hat denn schon eine phobische Reaktion im Zusammensein mit Menschen mit gleichgeschlechtlichen Neigungen?), wird hierbei unterstellt, dass der alleinige Beweggrund für diese ablehnende Haltung ein undifferenzierter „Hass“ gegenüber Menschen mit gleichgeschlechtlichen Neigungen ist. Eine Auseinandersetzung mit möglicherweise dahinterstehenden rationalen Gründen und Argumenten wird somit – bewusst? – vermieden.

 

Wir wehren uns weiterhin dagegen, einen Begriff wie „Anders-sein“ gleichsam wie eine Charaktereigenschaft zu verwenden. Fürsorglichkeit, Großzügigkeit, Eifersucht etc. sind Charaktereigenschaften. Sie entspringen der Persönlichkeit eines Menschen, deren Ausdruck sie gleichzeitig sind. Im Gegensatz zu Eigenschaften, die aus dem Inneren eines Menschen kommen, ist „Anders-sein" keine Charaktereigenschaft an sich. Sie drückt vielmehr ein Verhältnis oder einen Vergleich zu bzw. mit anderen Menschen und deren körperlichen und/oder charakterlichen Eigenschaften aus. Auch hier sehen wir das Problem darin, dass hier bestimmten Menschen ein besonderer Status rein aufgrund eines „Anders-sein“ verliehen werden soll. Weiterhin kann dies auch dazu führen, dass diese Menschen das oft proklamierte „Anders-sein“ verinnerlichen und sich eine möglicherweise bereits bestehende Kluft zu ihren Mitmenschen noch vertieft bzw. im Zuge einer selbst-erfüllenden Prophezeiung sie etwas annehmen, was Ihnen zunächst nicht zu eigen war: „Anders-sein“ – im Sinne von „Fremdartig- oder Seltsam-sein".

„Auch Kinder müssen vorurteilsfrei Aufwachsen. Gerade Kinder von Regenbogenfamilien haben es in der Schule oft schwerer, weil ihre Eltern anders leben als die ihrer Klassenkameraden. Sie begegnen Vorurteilen und Ausgrenzung. Gerade in Schulen müssen aber die Grundsteine für Offenheit, Anerkennung und Toleranz gelegt werden."

 

Kinder von „Regenbogenfamilien“ haben es unserer Überzeugung nach nicht nur in der Schule aufgrund des familiären Hintergrundes schwerer, sondern aufgrund des familiären Hintergrundes selbst. Wir – und mit uns viele Menschen weltweit – sind der festen Überzeugung, dass eine monogame, heterosexuelle, lebenslange Familie auf Basis unserer traditionellen christlichen Familienwerte die beste und gesündeste Umgebung für alle Beteiligten bietet – vor allem aber der Kinder. Als Stütze unserer Behauptung verweisen wir auf unsere Homepages. Wenn Sie nun aber Werte wie „Offenheit, Anerkennung und Toleranz“ anführen, so verweisen wir auf oben genannte Argumente. Selbstverständlich sind diese Werte wichtig. Jedoch ist hierfür erst einmal eine genaue Begriffsdefinition von Nöten. Was bedeuten denn diese Werte eigentlich und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Ja, Kindern muss nahe gebracht werden, dass Mitmenschen zu respektieren und allgemein anerkannte Menschenrechte wie die Würde des Menschen, dessen körperliche und seelische Unversehrtheit zu gewährleisten sind oder die Meinungsfreiheit garantiert werden muss. Aber noch einmal und ganz ausdrücklich: Was man hierbei nicht machen darf (!), ist, Menschen in Gruppen zu unterteilen oder gar im Zuge der Vermittlung von Werten wie Respekt und Toleranz gleichzeitig die Akzeptanz der eigenen Meinung und/oder des eigenen Lebensstils einfordert. Abgesehen davon sehen wir die Umsetzung dieser Werte gerade in den Schulen als nicht gegeben an, wenn etwa schwul/lesbische Gruppierungen im Rahmen des Schulunterrichts ihre subjektive Meinung kundtun dürfen, Einrichtungen wie die unsere jedoch konsequent ignoriert werden (der Vollständigkeit halber sei hier angeführt, dass es noch weitere Einrichtungen unserer Art gibt, mit denen wir uns solidarisch sehen).

 

„Die Regenbogenflagge ist weltweit das Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, sie steht für Vielfalt und Respekt ebenso wie für Engagement gegen Homophobie und Transphobie. Seit den 1990er Jahren wird in Berlin und vielen Städten des Landes an Rathäusern die Regenbogenflagge gehisst."

 

Auch hier möchten wir entschieden widersprechen. Die lesben- und Schwulenbewegung hat den Regenbogen keinesfalls für sich gepachtet oder gar erfunden.

 

„Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde geschlossen habe."

(Genesis 9,8-17. Einheitsübersetzung)

 

Der Regenbogen ist also ein Bundeszeichen zwischen Gott und den Menschen, insbesondere dem Volk Israel. Als überzeugte Christen halten wir an diesem Bundeszeichen fest.

 

Die Schwulen und Lesbenbewegung steht auch nicht unbedingt und zwangsweise für Respekt – etwa was ihr Verhältnis uns gegenüber betrifft. Und „Vielfalt“ allein ist ebenfalls kein positiv besetzter Wert, sondern ein neutraler Ausdruck verschiedener Elemente einer Menge.

 

Was „Homophobie“ oder gar „Transphobie“ betrifft, verweisen wir auf bereits Geschriebenes. Der Begriff „Homophobie“ selbst ist noch relativ neu. Wir weisen derartige Klassifizierungen ausdrücklich zurück. Hier werden Menschen anderer Meinung möglicherweise ihrerseits diskriminiert, da ihnen eine negativ bewertete Charaktereigenschaft unterstellt wird, anstatt ihnen das Recht einer eigenen, rational begründeten Meinung zuzugestehen. Derartiges erinnert an unselige Mittel der Propaganda, keinesfalls aber an „Respekt“ oder „Toleranz“ anderer Meinungen und schon gar nicht eine Auseinandersetzung mit diesen. Denn „Toleranz“ bedeutet nicht, dass jeder seine/ihre Meinung haben kann und keiner darf den anderen kritisieren. Toleranz heißt vielmehr, den Menschen als solchen zu respektieren – und das tut man am ehesten, indem man verschiedene Meinungen und Wertvorstellungen auf den Tisch bringt und offen und wertschätzend darüber redet.

Wir denken zum Beispiel nicht, dass sich das Leid und die inneren Probleme „transsexueller“ Menschen dadurch beheben lassen, dass man ihnen etwas wegschneidet, ihnen Medikamente gibt oder Silikon einsetzt. Mann und Frau unterscheiden sich körperlich in unzähligen Merkmalen. Dies im Zuge von chirurgischen Eingriffen, mit medikamentöser Therapie und schließlich mit Make-up und Kleidung „korrigieren“ zu wollen, ist in unseren Augen eine Verletzung des hippokratischen Eides seitens der behandelnden Ärzte sowie eine sehr verzerrte Sichtweise der geschlechtlichen Identität und letztlich ein Armutszeugnis der Psychotherapie. Wir lieben solche Menschen und wollen ihnen etwas Besseres bieten als das.

 

Auch sind wir befremdet darüber, dass die „Regenbogenflagge“ an öffentlichen Gebäuden gehisst wird. Wie sind wir nur an einen Punkt gekommen, an dem wir uns von einer gesellschaftlichen Minderheit unsere Überzeugungen und deren Darstellung nach außen derart kritiklos diktieren lassen? Was hat eine Flagge, die eine sexuelle Orientierung kennzeichnet, auf einem öffentlichen Gebäude zu suchen?

Sehr geehrte Ministerin, wir denken, dass Sie die Ministerin aller Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind – unabhängig von deren Überzeugungen. Als solche möchten wir Sie bitten, sich genauso offen und ausdrücklich für unsere Überzeugungen und die Möglichkeit deren Ausdrucks auch in öffentlichen Einrichtungen einzusetzen, wie Sie das für schwul/lesbische Gruppierungen tun.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Robert Gollwitzer

Ridlerstr. 21

80339 München

Categories: Press Releases, Schools, Gay activism


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